Blog

02.11.2012

„Tarifpolitik können wir verdammt gut!“

Auszubildendenvertreter Florian Moser im Gespräch mit jav.info

Florian Moser (25) mischt gerne mit. Bei der Deutschen Telekom ist er freigestellter Auszubildendenvertreter und Sachverständiger der Konzernausbildungsvertretung. Bei ver.di ist er Mitglied im Bundesfachbereichsvorstand Telekommunikation und Informationstechnologie, in dessen Präsidium - und er ist auch Vorsitzender dieses Fachbereichs bei der ver.di Jugend. 

Mit jav.info sprach der IT-Systemkaufmann über die vergangenen Telekom-Tarifverhandlungen und über seine Gründe, Tarifpolitik aktiv mitzugestalten.

jav.info: Die Tarifrunde bei der Telekom hat in diesem Jahr ein gutes Ergebnis für die Auszubildenden und Studierenden gebracht. Was genau habt ihr erreicht?

Florian: Der Arbeitgeber hat uns 2007 vor die Wahl gestellt: Entweder senkt er die Ausbildungsquote drastisch oder er bezahlt die neuen Auszubildenden unterschiedlich. Wir haben damals für eine über drei Jahre gesicherte Ausbildungsquote von 2,9 Prozent und rund 4.000 Auszubildende gestimmt, allerdings bei uneinheitlichem Ausbildungsentgelt.

In den folgenden Jahren haben wir uns dann für die Anpassung der Vergütungen stark gemacht. 2012 ist uns nun tarifvertraglich die Abschaffung dieser so genannten Cluster-Bezahlung gelungen. Kaufleute bekommen ab Juni 2013 wieder genauso viel wie technische Berufe.

Aber auch für dual Studierende steigt die Vergütung um 6,5 Prozent – das sind Riesenerfolge!

jav.info: Was werden die Jugendthemen der kommenden Tarifrunde sein?

Florian: Zurzeit ist noch ein Thema aus der letzten Tarifrunde offen: die Fahrtkosten- und Unterhaltsbeihilfe für unsere dual Studierenden. Wir fordern eine Gleichbehandlung mit den Auszubildenden. Es geht um mehrere hundert Euro. Außerdem verhandeln wir gerade über die Ausbildungs- und Übernahmequote.

Vergütung wird erst mal kein Thema sein. Bereits im Mai haben wir für kommendes Jahr mehr Geld für unsere Auszubildenden und Studierenden durchgesetzt.

jav.info: Wie können sich eure Auszubildenden bei Tarifrunden einbringen?

Florian: Da gibt es wirklich viele Möglichkeiten: einerseits im Rahmen der Forderungsfindung in Betrieben, Landesfachbereichen und bundesweiten Konferenzen, andererseits durch Kontaktpflege oder Azubi-Befragungen. Außerdem gibt es Mittagspausenaktionen, bei denen eine Beteiligung möglich ist, ebenso betriebliche Aktionen oder den klassischen Arbeitskampf, also die Arbeitsniederlegung.

Mittlerweile machen wir auch Aktionen im Internet. Zur Abschaffung der Cluster-Bezahlung haben wir z. B. die Facebook-Gruppe „Cluster Buster“ gegründet und darüber einen sehr erfolgreichen Flashmob organisiert.

jav.info: Zeigen die Auszubildenden denn großes Interesse für solche Angebote?

Florian: Ja, und auf unsere Azubis und Studierenden ist wirklich Verlass! Wenn wir zur Beteiligung aufrufen, stehen sie für ihre Interessen auf der Matte. Das ist wirklich großartig!

Uns ist wichtig, dass Auszubildende und Studierende von Anfang an eingebunden sind. Schließlich geht es um ihre Forderungen, für die sie mit uns auf der Straße stehen. Natürlich diskutieren wir nach Aktionen auch das Ergebnis.

Genauso groß ist das Interesse bei Verhandlungen. Sobald im Fachbereich Jugendthemen im Spiel sind, wie jetzt die Übernahme- und Auszubildendenquote, sind die jungen Erwachsenen überproportional vertreten. Das schätzen wir sehr und das bringt uns in unserer Arbeit extrem weiter.

jav.info: Du machst seit 2007 Vorstandsarbeit. Welchen persönlichen Stellenwert hat Tarifpolitik bei deiner gewerkschaftlichen Arbeit?

Florian: In der Tarifpolitik geht es um Gerechtigkeit und Beteiligung. Beides ist mir sehr wichtig. Durch meine Arbeit habe ich das Glück, beides hautnah mitzuerleben. Ich bin nicht nur bei Tarifverhandlungen, sondern auch bei Gesprächen im kleinen Kreis oder bei der Schlichtungskommission dabei. Das macht Spaß.

Außerdem ist sie unser Kerngeschäft als Gewerkschaft - Tarifpolitik können wir verdammt gut und füllen sie mit Leben!

jav.info: Was erwartest du von der Tarifarbeit der ver.di Jugend?

Florian: Auszubildende sollten hier bei jedem Schritt und quer durch alle Branchen beteiligt sein. Junge Menschen müssen Tarifarbeit erleben und aktiv gestalten können.

Es ist unsere Aufgabe, die jungen Leute bei ihren Problemen abzuholen und gemeinsam mit ihnen und unserem tarifpolitischem Werkzeug bessere Konditionen durchzusetzen. Und das gilt nicht nur für Auszubildende und Studierende, sondern auch für alle, die in einer Einstiegsqualifizierung sind.

jav.info: Was war in der letzten Tarifrunde dein schönstes Erlebnis?

Florian: Das waren eigentlich drei. Schön war die Solidarität in Düsseldorf auf der Großdemo. Ich habe vor über 10.000 Streikenden über die Abschaffung der Cluster-Regelung gesprochen und alle haben unsere Jugendforderung lautstark unterstützt.

Auf dem Heimweg von der Schlichtung hatte ich ein zweites schönes Erlebnis. Ich bin mit einem unsicheren Gefühl in der Bahn gesessen und habe mich gefragt, ob unser Kompromiss bei den Leuten ankommen würde. Plötzlich habe ich rund zehn SMS und E-Mails bekommen, wie gut das Ergebnis sei und dass damit niemand gerechnet hätte.

Noch so ein Moment war der Anblick unseres ausgeschiedenen Personalvorstands, als der gesenkten Hauptes das Hotel verlassen hat. Er musste eingestehen, dass seine harten Ansagen, z. B. eine Nullrunde für alle, vor der Tarifrunde keinen Bestand hatten. Wir - die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Azubis und Studierenden - haben uns erfolgreich durchgesetzt!