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28.03.2013

"Ausbildung und Übernahme gehören zusammen!"

Interview mit dem hauptamtlichen Gewerkschafter Jan Duscheck

Als Gewerkschaftssekretär in der Abteilung Jugend beim ver.di Bundesvorstand ist Jan Duscheck für den Bereich betriebliche Mitbestimmung und JAV-Arbeit verantwortlich. Er ist Mitautor des Buches "Praxis der JAV von A bis Z" (erschienen beim Bund-Verlag). Mit jav.info sprach er über das Thema Übernahme und die Herausforderungen, denen JAVen bei diesem Thema begegnen.

jav.info.: Verliert das Thema Übernahme nach der Ausbildung aufgrund der demografischen Entwicklung nicht immer mehr an Bedeutung? Es gibt doch immer weniger junge Menschen.

Jan: Eine wirkliche Entspannung der Situation beobachten wir lediglich in einigen wenigen Branchen und Regionen. Im Schnitt haben zwei Drittel der Auszubildenden auch kurz vor Ausbildungsende keine Übernahmezusage. Diejenigen, die übernommen werden, erhalten meist nur befristete oder Teilzeitverträge.

Durch unseren täglichen Kontakt mit den Auszubildenden in den Betrieben und Dienststellen wissen wir, dass eine sichere Zukunftsperspektive einen hohen Stellenwert hat. Diese Erfahrungen werden durch entsprechende Studien bestätigt. In der Wirklichkeit arbeiten allerdings gut zwei Drittel aller jungen Beschäftigten unter 30 in prekären Beschäftigungsverhältnissen, obwohl gerade für sie eine sichere Perspektive für eine Lebens- und Familienplanung wichtig wäre.

Es gibt gute Gründe für verbindliche Übernahmeregelungen: Wer neben der Ausbildung auch ein paar Jahre Berufserfahrung vorweisen kann, hat deutlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig ist es für die Unternehmen und Dienststellen eine gute Möglichkeit, gut ausgebildete Fachkräfte zu gewinnen, die sich bereits im Arbeitsumfeld auskennen. Deshalb sagen wir als ver.di Jugend: Ausbildung und Übernahme gehören klar zusammen.

jav.info: Die Unternehmen und auch die Personalverantwortlichen im Öffentlichen Dienst argumentieren hier häufig, dass sie dann Ausbildungsplätze streichen müssten.

Jan: Das machen sie doch auch so. Nur noch jeder fünfte Betrieb bildet heute überhaupt noch aus. Das Ausbildungsplatzangebot ist 2012 um insgesamt 2,4 Prozent zurückgegangen. Für 2013 erwartet das Bundesbildungsministerium eine Minderung um weitere drei Prozent.

Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Öffentlichen Dienst. Hier wurden in den letzten Jahren 8,5 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen. All das führt zu einer enorm hohen Zahl junger Leute bis 29 Jahre, die ohne Berufsabschluss sind: 1,5 Millionen.

Das lässt doch nur eine Schlussfolgerung zu: Trotz Fachkräftemangel auf der einen Seite und vielen jungen Menschen ohne Berufsabschluss auf der anderen, schaffen es die Unternehmen und der öffentliche Dienst nicht, entsprechende Ausbildungsplätze zu schaffen und jungen Menschen eine berufliche Perspektive zu geben. Sie ziehen sich einfach aus der Verantwortung oder schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Deshalb müssen wir da Druck machen. In den Betrieben und Dienststellen für eine gute Ausbildung und Übernahme sowie auf politischer Ebene für eine Umlagefinanzierung für mehr Ausbildungsplätze. Alle, die nicht ausbilden, müssen die ausbildenden Betriebe finanziell unterstützen. Schließlich profitieren sie ja später auch von den ausgebildeten Fachkräften.

jav.info: Was können JAVen konkret tun?

Jan: Vor allem: Das Thema zum Thema machen. JAVen können gemeinsam mit dem Personal- oder Betriebsrat auf die Personalplanung Einfluss nehmen. In diesem Zusammenhang ist es auch sinnvoll, auf die Überstunden der Beschäftigten zu schauen. Viele und regelmäßige Überstunden sind immer auch ein Hinweis darauf, dass chronisch Personal fehlt.

Überstunden sind übrigens mitbestimmungspflichtig, genauso wie externe Neueinstellungen. Und beides kann der Personal- oder Betriebsrat ablehnen, gerade wenn sie den Interessen der Beschäftigten und Auszubildenden entgegenstehen.

Interessenvertretungen sollten darauf achten, die Auszubildenden von Anfang an einzubinden. Das heißt, sie regelmäßig über Zwischenergebnisse informieren und darauf achten, dass sie sich auch praktisch einbringen können. Das stärkt nicht nur den Zusammenhalt, sondern auch die Position als JAV gegenüber ihren Verhandlungspartnern.

Neben den Auszubildenden sollten Interessenvertretungen auch die Beschäftigten von Anfang an einbeziehen. Welches Interesse hat die Belegschaft an einer Übernahme von Auszubildenden? Wie kann es zum Ausdruck gebracht werden?

Gemeinsam agieren ist hier wichtig. Und natürlich haben JAVen mit der ver.di Jugend eine starke und erfahrene Organisation an ihrer Seite.

jav.info: Wie kann ver.di Jugend JAVen unterstützen?

Jan: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel bietet ver.di hilfreiche JAV-Seminare an. Darüber hinaus können wir auch bei der Entwicklung einer eigenen Übernahmekampagne beraten, Know-how liefern zur Aktivierung und Einbindung von Auszubildenden und Öffentlichkeitsarbeit. Wir können auch ganz konkret helfen - bei der Entwicklung von Aktionsideen oder bei der Ausformulierung einer Übernahmevereinbarung.

Mit einem guten gewerkschaftlichen Organisationsgrad und einer hohen Aktionsbereitschaft unter den Auszubildenden können wir das Thema außerdem gemeinsam in Tarifverträgen regeln. Das ist natürlich immer das Beste. Und natürlich gilt auch hier: Je mehr Menschen sich engagieren, desto besser ist am Ende auch die Übernahmeregelung für alle. Dafür ist es wichtig, dass sich JAVen in ver.di organisieren und vernetzen.

jav.info: Und wie sieht es mit der Übernahme der JAVen aus?

Jan: Mit dem im Betriebsverfassungsgesetz bzw. in den Personalvertretungsgesetzen formulierten Übernahmeanspruch will der Gesetzgeber ja die JAV-Mitglieder vor einer Benachteiligung schützen. Aus gutem Grund: Wer sich für die Interessen der Auszubildenden engagiert, kann sich schließlich schnell unbeliebt machen. So gesehen schützen diese Vorschriften die Positionen aller Auszubildenden. In der Praxis erleben wir allerdings immer wieder zwei Probleme.

Erstens: Die Auszubildenden empfinden diese Schutzvorschriften ihrer Interessenvertretung als unzulässiges Privileg und die JAV-Mitglieder werden von den eigenen Auszubildenden unter Druck gesetzt. Meist ist das natürlich nicht die Mehrheit, aber es reicht schon, wenn einzelne Stimmung machen und das Klima vergiften. Manchmal versuchen auch einzelne Arbeitgeber, JAVen dadurch unter Druck zu setzen. Umso wichtiger ist es, dass man als JAV in solchen Situationen auf Erfolge der Arbeit verweisen kann und die Arbeit vorher transparent und beteiligungsorientiert gestaltet hat.

Zweitens: Die Arbeitgeber und Dienststellenleitungen versuchen sich aus der Übernahmeverpflichtung herauszuklagen, indem sie diese von einem Gericht für "unzumutbar" erklären lassen. Wer als JAV damit konfrontiert wird sollte nicht den Kopf verlieren, aber schnell und überlegt handeln.

Erste Anlaufstelle ist neben den Personal- bzw. Betriebsräten natürlich auch hier die ver.di Jugend. Wir und unsere Arbeitsrechtsexperten haben inzwischen viel Erfahrung mit solchen Fällen. Wichtig ist: Vor einer Beratung mit der ver.di Jugend nichts beim Arbeitgeber unterschreiben, auch wenn ihr unter Druck gesetzt werdet und euch gesagt wird, dass es sich um ein einmaliges Entgegenkommen handeln würde, was nur gilt, wenn ihr sofort unterschreibt oder ähnliches. Gemeinsam mit der ver.di Jugend seid ihr besser aufgestellt und könnt in Ruhe die nächsten Schritte planen.